„Weniger interessant finde ich Aussendungen des Urologenverbandes, Meldungen des Normungsinstituts und Hinweise auf Konzerte von Reinhold Bilgeri.“

30

Juni

2011

Das bis dato als „Eurocity“ erschienene Reisemagazin aus dem Bohmann-Verlag hört ab sofort auf den Namen „onrail“ und erscheint im neuem Look. Als Chefredakteurin des Reisetitels, der in Zügen sowie Lounges der ÖBB aufliegt, fungiert auch weiterhin Christina Dany.


1. Journalisten sind in der privilegierten Position, einen abwechslungsreichen Job auszuüben: Was gefällt Ihnen noch an Ihrem Beruf?

Weitgehend flexible Arbeitszeiten, die Möglichkeit, interessante Kontakte herzustellen, ungewöhnliche Zugänge zu Themen zu finden, belgische Pralinen von Flandern Tourismus zu Weihnachten und bergeweise Rezensionsexemplare.

2. Wo viel Licht ist, ist meist auch viel Schatten: Was sind die Schattenseiten des Journalistenberufs?

Halbwissen, Selbstüberschätzung, Suchtgefährdung, Schreibhemmung.
Selbstverständlich nur bei anderen.

3. Was treibt Sie in Ihrem Beruf als Journalist an?

Um es ganz klar zu sagen: Ich betrachte mich, seit ich Chefredakteurin und Blattmacherin bin, nicht mehr in erster Linie als Journalistin (das war ich früher mal). In meiner jetzigen Funktion besteht meine Aufgabe vor allem darin, Heft für Heft mit möglichst gut recherchierten, möglichst lesenswerten und möglichst nett bebilderten Geschichten zu füllen, die ich am freien Markt einkaufe. Das bedeutet: Autorenpflege, Selektion und viel, viel Redigierarbeit.

4. Wenn Sie Presseaussendungen zugeschickt bekommen, welche Themenfelder interessieren Sie da besonders und welche interessieren Sie überhaupt nicht?

Als Chefredakteurin eines Reisemagazins interessieren mich naturgemäß die Themen Reise, Kultur, Kulinarik und Lebensart. Weniger interessant finde ich Aussendungen des Urologenverbandes, Meldungen des Normungsinstituts und Hinweise auf Konzerte von Reinhold Bilgeri.

5. Wie werden Sie im Berufsalltag am liebsten mit PR-Aussendungen, Informationen und Einladungen versorgt?

Professionell und zeitgemäß. Das heißt, per E-Mail, ohne unnötigen Firlefanz, in übersichtlicher Form, ohne überbordenden Attachment-Wust, mit sinnvollen Links.

6. An welchem Wochentag und zu welcher Tageszeit sind Sie in Ihrem Job am ehesten ansprechbar und wann sollte man Sie besser nicht kontaktieren?

Man kann es immer probieren. Sonntag früh ist halt ungünstig.

7. Was können Sie in Zusammenhang mit PR-Agenturen gar nicht leiden?

• Eifriges Nachtelefonieren, kaum dass das E-Mail eingetroffen ist, ob man das E-Mail bekommen hat.

• Ostentative Beleidigtheit, wenn man eine Einladung aus terminlichen Gründen leider nicht wahrnehmen kann. (Meine Lieblingsreaktion am anderen Ende der Leitung: kurze vorwurfsvolle Pause, dann ein eisiges „Dürfen wir Ihnen wenigstens die Unterlagen schicken?!“ – Ja, klar.)

• Unfähigkeit, vernünftige Bilder in drucktauglicher Qualität zur Verfügung zu stellen.

8. Können Sie sich an einen Fall erinnern, wo Sie sich ganz besonders über eine PR-Agentur oder PR-Stelle geärgert haben?

Zur Markteinführung eines neuen Erfrischungsbonbons wurde ich mal von einer penetranten deutschen PR-Dame mit unzähligen Mails und Anrufen bombardiert, ob, wann und auf wie vielen Seiten ich darüber zu berichten gedenke. Wir hatten zuvor ein Pressemuster erhalten – das Zeug schmeckte grauenvoll. Scharf, chemisch, unangenehm. Außerdem war es lächerlich überambitioniert verpackt. Darüberhinaus war der begleitende Pressetext so ungewöhnlich aggressiv und doof (wenn ich mich recht erinnere, sogar sexistisch), dass ich das Produkt wirklich nicht promoten wollte. So direkt wollte ich das der Dame aus Höflichkeit aber natürlich auch wieder nicht auf die Nase binden. Aber die ließ einfach nicht locker, das Argument, das mich schließlich überzeugen sollte, war, dass sogar ein bekannter US-amerikanischer Schauspieler für die Werbekampagne gewonnen werden konnte. Irgendwann beim zirka 17. Telefonat war ich schon erschöpft und es entschlüpfte mir der Satz: „Ja, der macht das auch sicher, weil ihm die Zuckerln so super schmecken und nicht wegen der Kohle.“ Da war’s aus. Die war so empört, dass sie allen Ernstes damit drohte, ihr Geschäftsführer würde meinen Herausgeber anrufen, und sich über meine Voreingenommenheit beschweren. Wir haben dann aber nie wieder was von der Pfefferminzfurie gehört.

9. Erinnern Sie sich auch an einen Fall, wo Sie sich ganz besonders über eine PR-Agentur oder eine PR-Stelle gefreut haben?

Ach, das kommt immer wieder vor. Inzwischen sind die fähigen, flotten und flexiblen PR-Profis ja weit in der Überzahl – fuchtig, faul und fachlich inkompetent geht ja heutzutage gar nicht mehr. Unlängst erst wollte ich spät abends beim Tüfteln an einem Titel für eine Meldung über regionale Kultur im Bregenzerwald wissen, was „Was hast du gesagt?“ auf Vorarlbergerisch heißt. Ich hab bei Kinz Kommunikation angerufen (die Chefin Ulli Kinz kommt aus Vorarlberg) und mein Anliegen umständlich aufs Band gelabert – keine zehn Minuten später kam der Rückruf und die freundliche Info: „Was hosch gseit?“ Nett.

10. Was zeichnet für Sie eine gute PR-Agentur oder einen guten PR-Berater aus?

Sprachliche Prägnanz in den Texten, ein Gefühl dafür, was in Redaktionen wirklich benötigt wird (z.B. hochwertiges Fotomaterial in einem funktionierenden Download-Bereich, konkrete Preisangaben, griffige Zitate), schnelle Reaktion auf Rückfragen, flinke Zusatzinformationsbeschaffung bei Bedarf. Ein bisschen Humor könnte gelegentlich auch nicht schaden. Ganz toll ist auch, wenn ich eine individuelle Überlegung erkenne, mit welcher von vielen möglichen Informationen zu einem Kunden/einem Produkt die PR-Agentur konkret an mich herantritt, ich mich also nicht mit Einheitsaussendungen beregnet fühle.

11. Worauf sollten PR-Agenturen Ihrer Ansicht nach ihr Hauptaugenmerk in Sachen Medienarbeit legen?

Da müsste ich mich jetzt wiederholen. Dazu habe ich mich in der Frage oben schon erschöpfend geäußert.

12. Wie würden Sie Ihre Aufgabe bei „onrail“ charakterisieren?

Siehe Frage 3.
Außerdem soll man natürlich auch noch wirtschaftlich erfolgreich sein, bekanntlich eine besonders interessante Herausforderung.

13. Wofür steht „onrail“ in wenigen Worten und was macht es als Medium unverwechselbar?

Hoher Qualitätsanspruch, gehobenes Lesevergnügen, konkrete Information, nützliche Tipps, ein kleiner Schuss Witz, meine Handschrift als Blattmacherin in vielen Details.

14. Wenn Sie nicht Journalist wären, welchen Beruf würden Sie dann gerne ausüben?

Bestsellerautorin.

Ad personam

Beruflicher Werdegang: Anfänge im Tageszeitungsjournalismus. Sieben lehrreiche, lässige Jahre beim Wirtschaftsmagazin „trend“. Zwölf arbeitssame, stressige Jahre als Chefredakteurin des „Reisemagazin“ (Sportmagazin Verlag). Seit Anfang 2011 Chefredakteurin beim Reisemagazin „onrail“ (vormals „eurocity“) aus dem Hause Bohmann.

Geburtsdatum: 24. Juni 1967

Hobbys: Vögel beobachten, Blumen bestimmen, Nacktschnecken dezimieren. Außerdem das heimliche Zufügen von Dingen an merkwürdigen Orten.

Lieblingsort in Österreich: Ein bestimmtes Stück eines namenlosen Waldweges im Wienerwald, das zu jeder Jahreszeit ein wundersames Glücksgefühl in mir auslöst.

Lieblingsort weltweit: Fällt mir keiner ein. Ich fühle mich eigentlich nirgends richtig wohl. Schön war’s auf den Seychellen, ich bin einfach gestrickt.

Lieblingsautor: Vladimir Nabokov. Dann kommt lange nichts. Dann kommt Leo Perutz. Und neuerdings Lars Gustafsson.

Lieblingsgetränk: Earl Grey mit Milch.

Lieblingsessen: Kann ich kein bestimmtes benennen, ich esse leider zu vieles zu gerne. Aber für frische Feigen direkt vom Baum geh ich weit.

Lieblingsfilm: „Türkische Früchte“ von Paul Verhoeven.

Lieblingsschauspieler: Steve Buscemi.

Kontakt: christina.dany@bohmann.at

Christina Dany, Chefredakteurin des Reisetitels „onrail“: „Inzwischen sind die fähigen, flotten und flexiblen PR-Profis ja weit in der Überzahl – fuchtig, faul und fachlich inkompetent geht ja heutzutage gar nicht mehr.“

Kommentar hinterlassen