„Wir wollen eine gute und große Zeitung machen!“

01

Februar

2010

„Kurier“-Chefredakteur Christoph Kotanko im »OBSERVER«-Cercle.Dr. Christoph Kotanko, Chefredakteur der Tageszeitung „Kurier“, stellte sich im Rahmen des »OBSERVER«-Cercle den Fragen von Kunden und Partnern des Medienbeobachtungsunternehmens.
Es ist „ein hartes Geschäft“, in dem Dr. Christoph Kotanko, Chefredakteur der Tageszeitung „Kurier“, tätig ist, wie er selbst betont: „Wir sind im Geschäft um die Aufmerksamkeit der Menschen.“ Anlässlich der bereits fünften umgekehrten Pressekonferenz im Rahmen des »OBSERVER«-Cercle stellte sich Kotanko den Fragen von »OBSERVER«-Geschäftsführer Mag. Florian Laszlo und seiner Gäste. Kotanko, der nach Lehr- und Wanderjahren bei „Wochenpresse“ und „profil“ 1988 beim „Kurier“ landete, ist seit 1997 Mitglied der Chefredaktion der Tageszeitung und seit 2005 alleiniger Chefredakteur. Seine tagtägliche Herausforderung ist es, „die Marke Kurier weiterzuentwickeln“. Eine Marke, die längst nicht mehr nur als Printprodukt, sondern auch online und mobil um User/Leser buhlt. Sehr zufrieden ist Kotanko mit der Entwicklung des Printproduktes („Wir haben 120.000 Abonnenten!“), ebenfalls happy ist er mit dem Online-Auftritt („Vor kurzem haben wir erstmals die Million Zugriffe pro Monat generiert“), ausbaufähig ist der Kurier in seiner Mobilversion („Das haben wir zu Beginn optimistischer eingeschätzt!“). Sein Ziel an der Spitze des „Kurier“ ist es, eine gute und große Zeitung zu machen“, also eine Tageszeitung, die eine gewisse Verbreitung hat und eine gewisse Qualität bietet. Das Tageszeitungsgeschäft – so Kotanko – habe sich in den vergangen Jahren sehr verändert: „Nicht nur durch den Markteintritt einer neuen Boulevardzeitung und einer neuen Gratistageszeitung, sondern auch durch die Verbesserungen der anderen Tageszeitungen“. Dem „Kurier“ habe die in den Markt gekommene Bewegung insofern gedient, als „unsere Positionierung jetzt noch deutlicher geworden ist.“ Durch die Ergebnisse der Media-Analyse lässt sich Kotanko übrigens nicht aus der Ruhe bringen: „Die MA nehme ich wie das Wetter – ich kann sie nicht beeinflussen.“ Auch er sei mitunter erstaunt, wie wenig Österreichische Auflagenkontrolle (ÖAK) und Media-Analyse (MA) korrelieren würden: „Aber die MA misst ja in dem Sinn keine Leserzahlen, sondern bewertet eine Erinnerungsleistung der Konsumenten.“ Und deshalb nehme er die MA-Zahlen zwar jedes Mal zur Kenntnis, „baue aber weit mehr auf die ÖAK-Zahlen“.


Christoph Kotanko, Chefredakteur der Tageszeitung „Kurier“, mit »OBSERVER«-Geschäftsführer Mag. Florian Laszlo bei der sechsten Auflage der umgekehrten Pressekonferenz im Rahmen des »OBSERVER«-Cercle: „Die Media-Analyse nehme ich wie das Wetter – ich kann sie nicht beeinflussen.“

Online first? Journalism first!

Was Kotanko neben dem Tagesgeschäft und dem steten Match um Leser und Werbekunden beschäftigt, sind die – vor allem auf Grund der Möglichkeiten der neuen Medien – sich ständig ändernden Rahmenbedingungen: „Vielleicht ersparen wir uns alle bald schon viel Geld, weil im Zeitalter von ePaper Vertrieb und Druck wegfallen“, sinniert Kotanko.
Was zusätzliche Einnahmen durch Paid Content anbelangt, ist Kotanko skeptisch: „Was die New York Times da macht, ist sehr mutig, weil es schließlich gelernt ist, dass man Infos im Web gratis bekommt.“ Bei exklusiven Geschichten kann sich der „Kurier“-Chefredakteur aber sehr wohl vorstellen, dass man diese kostenpflichtig an den Mann bringt: „Wenn etwa Rainer Fleckl ein Dossier zum Thema Antidoping gestaltet, dann kann man so etwas sehr wohl Online verkaufen“, glaubt Kotanko.
Ebenfalls mit Skepsis begegnet Kotanko dem in Deutschland üblichen Prinzip „Online first“: „Meine Devise laut: Journalism first! Als Printmedium muss man schon auch aufpassen, dass man sich selbst kannibalisiert.“ Beim „Kurier“ sei es sogar gelebte Praxis, dass man „exklusive Geschichten in der Abendausgabe nicht bringt, damit die Konkurrenz die Geschichte nicht mehr für ihre Morgenausgaben abschreiben kann“.


„Kurier“-Chefredakteur Christoph Kotanko im Rahmen der umgekehrten Pressekonferenz in den Räumlichkeiten des Medienbeobachtungsunternehmens »OBSERVER«.

Nicht mit der Schrotflinte!

Auf seine Erfahrungen mit PR-Agenturen angesprochen, fallen Kotanko zuallererst die vielen, vielen E-Mails ein, die ihn Tag für Tag ereilen, wobei die meisten in der Mailbox eines Chefredakteurs nichts zu suchen hätten: „Wenn man kommunizieren will, dass es neue Tropfen gegen Ohrensausen gibt, dann muss man das nicht unbedingt an die Chefredaktion schicken, sondern kann sich ruhig an die Gesundheitsredaktion wende.“ Das Problem im E-Mail-Zeitalter sei eben, dass man auf Grund der Flut an PR-Aussendungen nicht mehr die relevanten von den irrelevanten Mails unterscheiden könne: „Oft werden sicher auch interessante Aussendungen gelöscht, weil sie einfach untergehen.“ Kotankos Empfehlung an die versammelten PR-Berater: „Schicken Sie ihre Aussendungen gezielt aus und lassen Sie die Schotflinte zu Hause.“ Kotanko hält den PR-Agenturen aber sehr wohl zu Gute, dass sie eine wichtige Rolle im Gesamtsystem übernehmen: „Durch PR-Aussendungen sind schon oft gute Geschichten entstanden. Im Idealfall ist eine PR-Aussendung ein Impuls für eine Geschichte.“


Dicht gedrängte Reihen bei der umgekehrten Pressekonferenz im Rahmen des »OBSERVER«-Cercle mit „Kurier“-Chefredakteur Christoph Kotanko: „Wenn man kommunizieren will, dass es neue Tropfen gegen Ohrensausen gibt, dann muss man das nicht unbedingt an die Chefredaktion schicken.“
Dem Chefredakteur gelauscht und intensiv mit ihm diskutiert haben unter anderem Österreichs oberster Mathematik-Professor Dr. Rudolf Taschner, Magic Christian, Theresia Zierler, PR-Profis Alexander Khaells-Khaellsberg, Peter Aigner und Robert Smejkal, Sony-Schweiz/Österreich-Vertreter Philip Breitenecker, Luxury please-Macher Gerhard Krispl, Kulturmanager Christian Vranek, die Studentenracer der TU Graz, Elisabeth Haas, Roger Hackstock, Petra Götz-Frisch und Petra Krestan-Schön und viele andere mehr.

Die Diashow zum »OBSERVER«-Cercle mit Christoph Kotanko finden Sie hier.

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