Starke Sprüche am Newspaper Congress in Wien

02

Mai

2011

Am ersten Tag des Newspaper Congress in Wien war das Auditorium dicht besetzt und es waren durchwegs führende Köpfe aus Österreich und vor allem dem CEE-Raum gekommen. Geboten wurden gleich zum Einstieg starke Sprüche, die gut fundiert die schwierige Phase im Zeitungswesen beschreiben, aber auch Handlungsideen bieten.

Auditorium am Newspaper Congress

Volle Besetzung in der Messe Wien

Vor allem Peter Hogenkamp, der neue Leiter digitale Medien der NZZ, konnte als bis vor kurzem branchenfremder Unternehmer einen sehr erfrischenden Blick von außen und innen bieten. Er räumte ordentlich mit den einfachen Hoffnungen auf die Segnungen des iPad auf und meinte, dass Verlagsmanager das nur meinen, da sie im Format das papierene Magazin wiedererkennen und meinen, man könnte da toll Magazine drauf produzieren und endlich Geld dafür verlangen. Obwohl im Web sehr viel Geld für allerlei bezahlt wird, herrscht die Meinung vor, dass erst ein mobiles Gerät dies ermögliche „…vielleicht weil auch eine SMS etwas kostet…“.

Mit der Graphik des Gartner Group Hype Cycle versuchte er mit die landläufigen Einschätzungen zur Lage der Medien etwas zu relativieren.

Gartner Group Hype Cycle

Peter Hogenkamp präsentiert den Hype Cycle als Memento zur Einschätzung von Bewertungen

Schon 1992 gründete der Verlag Knight Ridder ein Forschungslabor in Boulder, Colorado und Hogenkamp zeigte ein Video, das beweist, dass schon 1994 eine gute Vorstellung von Displays, wie heute dem iPad bestand – gemacht hat es dann nur jemand anderer, nämlich Apple. Es war also nicht unbedingt das fehlende Grundwissen, eher die falsche Einschätzung der Lage. Steve Jobs schaffte es ja auch den vor zehn Jahren geltenden Grundsatz, dass man für Inhalte im Netz kein Geld verlangen könnte mit iTunes eindrucksvoll zu widerlegen.

Trotzdem prophezeit Hogenkamp Apple und seinen Apps nicht die große Zukunft. Vor gar nicht so langer Zeit fragte man sich noch ernsthaft ob AOL oder das Internet besser wären? Das geschlossene System AOL ordnete alles übersichtlich, verlor aber trotzdem recht schnell gegen das wilde ungezähmte Internet und wurde zu einem Internetzugangsanbieter und verlor seine dominierende Bedeutung gänzlich. So wird es auch Apples iOS gegen Android gehen, meint Hogenkamp.

Zur Gestaltung von Online-Inhalten und Pad-Inhalten hat er auch nicht den Stein der Weisen gefunden, aber es gibt gute Gründe, warum eine Tageszeitung anders aussieht, als ein Magazin. Somit hält er wenig davon alles „magaziniger“ aufzubauen oder mit einer Tageszeitungsoptik aufs iPad zu gehen. So kritisiert er auch die Softwareanbieter dafür, dass sie den Weg von Desktoppublishing-Programmen wie InDesign aufs iPad als die Lösung anpreisen, denn vielleicht ist die Zeitung auf Papier der Exot und die primäre Verbreitung und Aufbereitung ist für ein Pad oder das Web. Dann wäre eine solche Bindung kontraproduktiv.

Sein Vorredner, der Zeitungsdesigner Alfredo Trivino von der News Corporation Rupert Murdochs, sieht die Welt der iPads ähnlich und meint, dass Tablett-Computer „visual animals“ seien und „content is not just text“.

Alfredo Trivino am European Newspaper Congress in Wien

Deshalb basiert das von ihm gestaltete Projekt Daily, der „Zeitung“, die exklusiv fürs iPad gestaltet wird, auf einer intensiven Bildsprache, die den Text ergänzt. Bei der iPad-Version des Red Bulletin, die es im Unterschied zu Daily auch bei uns gibt, sieht man diesen Weg besonders beeindruckend, der von Weekend etwa auch schon gegangen wurde. Das Red Bulletin basiert auch Bilder, die nahtlos zu Videos werden und bietet damit zusätzlich zum Text ein faszinierendes Erleben der Inhalte der Welt von Red Bull. Die ist zwar sehr dankbar für eine solche Aufbereitung, aber trotzdem zeigt Red Bull auch hier – mit sicherlich heftigen Budgets – in eine neue Welt, der sich auch die anderen Verlage schwer entziehen können. Unter seinen zehn Regeln schließt Trivino mit „have fun and entertain your customer“. Das klingt auf den ersten Blick, wie die übliche Onliner-Spaßgesellschaft, hat aber eine wichtige Bedeutung für die tiefere Bindung des Lesers.

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