»OBSERVER« Cercle: Wie sich der Journalismus in Zeiten von iPad und Co verändert

31

Mai

2010

»OBSERVER« Cercle zur Zukunft der Medien.Vorarlberger-Medienhaus-Boss Eugen A. Russ, „News“-Redakteurin Corinna Milborn und Blogger Ritchie Pettauer diskutierten auf Einladung des »OBSERVER« und unter der Moderation von »OBSERVER«-Geschäftsführer Mag. Florian Laszlo über Status quo und Zukunft des Journalismus und der Medien.
Zu einem »OBSERVER« Cercle in dem es um nicht weniger als die Zukunft der Medien ging, lud »OBSERVER« Anfang Mai in die Räumlichkeiten des Wiener Medienbeobachtungsunternehmens. Am Podium diskutierten unter der Moderation von »OBSERVER«-Geschäftsführer Florian Laszlo der Verleger Eugen A. Russ vom Vorarlberger Medienhaus (www.medienhaus.com), Corinna Milborn (www.milborn.net), stellvertretende Chefredakteurin von „News“ und immer wieder Mal als Club-2-Moderatorin im Einsatz sowie Blogger (blog.datenschmutz.net) und FH-Lektor Ritchie Pettauer). Ebenfalls mit von der Partie war ein nigelnagelneues iPad, mit dem die Zuhörerschaft während der angeregten Diskussion andächtig interagierte.


Unter der Moderation von »OBSERVER«-Geschäftsführer Florian Laszlo diskutierten beim »OBSERVER«-Cercle zur Zukunft des Journalismus Corinna Milborn, stellvertretende Chefredakteurin von „News“, Blogger Ritchie Pettauer und Verleger Eugen A. Russ (Vorarlberger Medienhaus).

„Das iPad wird nicht die Rettung für die Verlagshäuser sein!“

„Das iPad ist ein spannendes Gerät und es macht viel Spaß, aber ich glaube nicht, dass das iPad die Rettung für die Verlagshäuser sein wird“, eröffnete Verleger Eugen Russ, der auch nicht unerwähnt ließ, dass sein Verlagshaus die erste News-Applikation heimischer Provenienz für das iPad anbietet – und das lange bevor das iPad in Österreich überhaupt erhältlich ist. Auch Corinna Milborn von „News“ hält das iPad nicht für einen Heilsbringer für die Medienbranche, sondern für „einen neuen Vertriebsweg, der aber vom Leser refinanziert“ werden müsse. Bei der Verlagsgruppe News sei man in Vorbereitung einer iPad-App – in einem halben Jahr werde es dann so weit sein, wie Milborn betont. Nicht ganz einverstanden ist Milborn indes mit der „Zensurmacht aus Cupertino“, vor allem, weil sich die Frage stelle, ob die ganze Welt lange dabei zusehen werde, wie Apple entscheidet, was im iStore angeboten werde und was nicht. Ins gleiche Horn stieß Blogger Ritchie Pettauer: „Ich bin gespannt, wie souveräne Staaten damit umgehen, dass Unternehmen wie Apple oder auch Google ständig regulierend eingreifen.“
Verleger Russ ist zudem nicht restlos vom Siegeszug des iPad in der aktuellen Version überzeugt: „Das iPad ist sehr schwer und außerdem kann man darauf nicht abspeichern.“ Milborn hingegen ist generell ein Freund von eReadern aller Art, weil „man sich damit das herumschleppen von Büchern und Zeitschriften erspart“.


Vorarlberger-Medienhaus-Boss Eugen A. Russ: „Das iPad ist ein spannendes Gerät und es macht viel Spaß, aber ich glaube nicht, dass das iPad die Rettung für die Verlagshäuser sein wird.“

„Das Internet wird den Journalismus nicht ablösen!“

Die Rolle von Blogs auf der einen und von Journalismus auf der anderen Seite schätzen Blogger, Journalistin und Verleger recht unterschiedlich ein. Ritchie Pettauer fühlt sich als Leser bei bloggenden Experten besser aufgehoben, als bei Journalisten und sieht deshalb „keine Konkurrenz zwischen klassischem Journalismus und Blogs“. Pettauer geht sogar so weit, dass er auch „ohne Journalismus im klassischen Sinn auskommen“ würde. Milborn hingegen gibt den Journalisten, die Inhalte vermitteln und einordnen können, den Vorzug: „Das Internet wird den Journalismus nicht ablösen. Es geht im Journalismus schließlich auch um Vertrauen zu bestimmten Marken.“ Verleger Russ brachte die „Huffington Post“ ins Spiel, die als Blog entstanden ist und heute mehr Leser als „New York Times“ und die „Washington Post“ gemeinsam habe: „Wir haben es im Mediengeschäft heute einfach mit anderen Businessmodellen zu tun.“ Insgesamt waren sich Milborn und Russ einig, dass Qualitätsjournalismus wichtiger werde, dass man aber aufpassen müsse, wie man Qualität definiert, denn Qualität bedeute auch, Inhalte zu bieten, die sonst niemand zu Verfügung stelle – Stichwort: Regionalität. Milborn ist überzeugt, „dass es das Bedürfnis nach guten und gut recherchierten Geschichten immer geben“ werde. Denn: „Guter Journalismus wird wichtiger, schlechter Journalismus wird weniger wichtig.“


Corinna Milborn, stellvertretende Chefredakteurin von „News“: „Das Bedürfnis nach guten und gut recherchierten Geschichten wird es immer geben.“

Schmarotzer Google?

Was Verleger Russ Kopfzerbrechen bereitet, ist der Umstand, dass keine Konkurrenz zu Unternehmen wie Google oder Facebook erwachs: „Es gibt einfach keinen Wettbewerb, da entstehen unkontrollierbare Monopole.“ Google – so Russ – binde „rund 50 Millionen Euro, die Hälfte des Umsatzes im Online-Bereich“, beschäftige aber „keinen einzigen Journalisten“. So gesehen sei Google „ein Schmarotzer“. Russ weiter: „Das Problem ist, dass die gesamte Wertschöpfung bei Google verbleibt.“
Aufgegeben hat Russ angesichts dieser bedrohlichen Lage aber noch lange nicht: „Es gibt uns noch lange“, und meint damit die klassischen Print-Verlagshäuser. Und auch Corinna Milborn ist der Ansicht, dass das Internet den Printjournalismus irgendwann überholen werde, dass das „aber noch dauern“ werden. Schließlich würden „95 Prozent der Tageszeitungen in der USA noch auf Papier gelesen“.


Blogger Ritchie Pettauer: „Ich bin gespannt, wie souveräne Staaten damit umgehen, dass Unternehmen wie Apple oder auch Google ständig regulierend eingreifen.“

„Es reißt viel ein …“

Dass die PR-Branche im Zeitalter sich ändernder medialer Rahmenbedingungen hinterhinken werde, befürchtet Eugen Russ nicht: „Die PR-Branche ist professionell und passt sich sehr schnell an.“ Redakteurin Milborn gibt zu bedenken, dass „viel einreiße“, dass einerseits die Agenturen gegenüber den Journalisten fordernder werden und dass andererseits manche Medien auch vieles mit sich machen lassen. Etwa der ORF, wie Verleger Russ betont: „Beim ORF können Unternehmen ganz stark ins Programm eingreifen, dort sind die tollsten Kooperationen möglich.“ Blogger Pettauer sieht die Diskussion um Journalismus, der bezahlt wird, pragmatischer: „Mir ist wurscht, ob ein Artikel oder ein Beitrag bezahlt ist oder nicht, wenn er mir nur einen Informationsvorsprung bringt.“


Volles Haus beim »OBSERVER«-Cercle über die Zukunft des Journalismus: Nicht nur das das Podium begeisterte, sondern auch das herumgereichte iPad, ein Import aus den USA, denn hierzulande wird das begehrte Teil erst im Herbst erhältlich sein.

Kommentar hinterlassen