120 Jahre Medienbeobachtung in Österreich

 

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Aus der Liebe geboren

Französischer Baron trifft auf Tänzerin. Eine unmögliche Beziehung, aber der Beginn einer weltweiten Dienstleistung, die heutparise jedes Jahr mehr als 10 Mrd Euro Umsatz erzeugt und in jedem einzelnen Land der Welt existiert, das eine annähernd freie Presse hat. Unglaublich, aber vielleicht wahr.

Es gibt das italienische Sprichwort: Non e vero, e bene trovato. Wenn es nicht wahr ist, dann ist es gut erfunden. Das gilt auch für die Geschichte der Medienbeobachtung, die im Paris der 1870er erfunden wurde. Aus der Liebe geboren in der Stadt der Liebe. Kitschig, aber eben wie das Leben so spielt.

Die Geschichte

Der französische Baron Au280px-pelletier_de_chambureguste de Chambure ist ein Liebhaber der Künste und somit regelmäßig in den Künstlervierteln des Montmartre zugegen. Die Primaballerina der anrüchigen Follies Bergeres hat es ihm ganz besonders angetan. Eine weitere Verbindung ist ganz und gar undenkbar, was beiden wohl bewußt ist. Sein Zeitgenosse Henri de Toulouse-Lautrec hatte bekanntermaßen ein ähnliches Problem und löste es mit seinen Bildern auf seine Art. Toulouse-Lautrec war sicherlich tiefer im Geschehen am Montmarte verankert, aber der junge Baron fand seinen eigenen Weg.

Als besonderes Geschenk der Liebe, sammelt er sämtliche Ausschnitte in den zahlreichen Medien über die bewunderte Künstlerin. Diese überreichte er zum Buch gebunden als Ausdruck der empfundenen Bewunderung. Es ist nicht weiter überliefert, wie der Dank manifestiert wurde, aber es meldeten sich zahlreiche der Künstler mit dem Wunsch nach einer eben solchen Dokumentation.

Ein Geschäft ward aus der Liebe geboren…

 

Die historischen Tatsachen

1878 gründete Alfred Chériè den Argus de la Presse. Chériè war der Direktor des Moniteur des Arts, der ihn in intensiven1024px-no_3791_30_octobre_1915_largus_de_la_presse Kontakt mit der Welt der Künstler brachte. Im Moniteur des Arts wurden von 1858 bis 1899 sämtliche Verkaufsveranstaltungen und Ausstellungen aufgelistet und über sie berichtet. Bereits im Jahr 1890 übernahm eben jener Auguste de Chambure das Unternehmen. Es ist bis heute im Besitz der Familie und wird vom Ururenkel Alexis Donot in vierter Generation geleitet. Alexis Donot ist zur Zeit auch Präsident des von seinem Großvater gegründeten Weltverbandes der Medienbeobachter FIBEP.

»OBSERVER« in Wien

Die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts war bereits gut vernetzt und die Nachrichten konnten sich schnell verbreiten. So ist es auch dem aus Siebenbürgen nach Wien eingewanderten Alexander Weigl nicht entgangen, das es in Paris einen Medienbeobachter gibt. Er sieht seine Marktlücke 2-M120-A15-1-1 (999155) Hermes und Argos / griech.Vasenmalerei Griechische Vasenmalerei, rotfigurig, 5.Jahrhundert v.Chr. - Hermes tötet den hundertäugigen Argos, den Wächter der in eine Kuh verwandelten Io; Ausschnitt: Argos. - Attischer Stamnos, Höhe 29,8 cm, Durchmesser 24,5 cm. Inv. IV 3729, Antikensammlung, Wien, Kunsthistorisches Museum. E: Art, Greece, Hermes and Argos / vase painting Art / Greece, vase painting, red figured, 5th century BC. - Hermes kills the hundred-eyed giant Argos, guardian of the heifer-nymph Io; detail: Argos. - Attic stamnos, height 29.8cm, diameter 24.5cm. Inv. IV 3729, Collection of Antiques, Vienna, Kunsthistorisches Museum.auch im großen Habsburger-Reich und beschließt die Gründung eines Medienbeobachtungsunternehmens. Nachdem der der griechischen Mythologie entnommene Begriff Argus (nach dem vieläugigen Riesen Argos Panoptes) schon besetzt war, bewies Alex Weigl Weitsicht und wählte das englische Wort Observer als Marke.

Den Entwicklungsstand der damaligen Kommunikation erkennt man auch daran, dass es offensichtlich eine Presseaussendung an die damals zahlreichen Printmedien gegeben hatte. So liest man in diversen Medien über die geplante Gründung des Unternehmens zum 1. Oktober 1896. Der erste Zeitungsausschnitt eines gewerblichen Medienbeobachters wurde somit am 23. September 1896 im Wiener Journal veröffentlicht und durch den »OBSERVER« gefunden.

Deswegen wird der 23. September als Tag des Ausschnitts begangen.

Ebenso bemerkenswert, wie die professionelle Pressearbeit eines gerade in Gründung befindlichen Unternehmens, waren die per Brief verschickten Angebote Alex. Weigls. Heute würde man Direct Mailing dazu sagen und als solches war es auch gleich zu erkennen, was aber durchaus zu Erfolg geführt hat.20160829094635_00001

Der »OBSERVER« konnte sich schnell im ganzen Habsburgerreich ausdehnen und hatte zahlreiche Niederlassungen. 1910 war die Ausdehnung dann am größten, als sogar Niederlassungen in St. Petersburg, New York oder Pittsburgh unterhalten wurden. Alexander Weigl war kinderlos und verkaufte sein Unternehmen. Der »OBSERVER« ging durch die Hände mehrerer Familien und wurde schließlich von Dr. Herbert Laszlo übernommen. Das Grab des Gründers am Jüdischen Friedhof in Wien wird vom Unternehmen gepflegt.

Das faszinierende an der Medienbeobachtung ist, dass die Dienstleistung so modern wirkt, als hätte man sie erst jetzt mit dem Internet oder Social Media erfunden. Medienbeobachtung wird immer noch als moderne und innovative Dienstleistung wahrgenommen. Das ist sie einerseits tatsächlich, dank der Notwendigkeit sich an die immer schneller sich ändernden Medien anzupassen. Die ständige Innovation und die durchaus steigenden Herausforderungen eine lückenlose Berichterstattung über die Tätigkeit der Medien zu erstellen, hält jung.

Andererseits liegt auch an dem alten, aber immer noch aktuellen Bedürfnis, Bescheid zu wissen, was über einen gesagt oder geschrieben wird. Das Grundbedürfnis, das die Medienbeobachtung befriedigt, ist im Endeffekt seit jeder unverändert.

Es ist das Interesse des Kunden alles zu erfahren, was ihn betrifft. Das passive Recht auf Information ist sogar in der europäischen Menschenrechtskonvention gesatzt. Dieses so scheinbar selbstverständliche Recht konsumieren zu können, funktioniert nur mit der Hilfe von Medienbeobachtern.

istock_000002099178medium_big_paper_stackWar es zur vorletzten Jahrhundertwende die Herausforderung die Medien – damals nur Printmedien auf Papier – physisch zu erhalten, um sie dann lesen zu können, so ist es heute angesichts der schieren Menge an parallelen Informationskanälen und der Masse an Daten, unmöglich die Lesearbeit selbst zu machen. Nicht einmal die wichtigsten Printmedien wird man täglich durchsuchen können, ohne die eigene Arbeit zu vernachlässigen. Von Online und erst Recht Social Media ganz zu Schweigen.

Hierfür braucht es einen Medienbeobachter, weil auch die kostenlosen Angebote des Internet können die Leistung nicht erbringen. Selbst wenn es technisch so einfach klingt und im Internet „alles“ gefunden werden kann, ist es in der Praxis ein hochkomplexer und technisch sehr aufwändiger Prozess
„alles“ zu finden. Wobei in dem Fall das „alles“ auch eine andere Bedeutung hat, als bei einer Zeitung oder einer TV-Sendung, die einen klaren Anfang und ein klares Ende hat. Im Internet herrscht ständig Bewegung und so ist man nie „fertig“ damit.

Wenn man als Medienbeobachter mit 120 Jahren Erfahrung bei der Beobachtung von neuen Medien hat, relativieren sich auch viele Aufregungen über den medialen Wandel. Den hat es schon immer gegeben, einschließlich all seiner Begleiterscheinungen und Untergangsphantasien und auch die Jugend war schon immer das Opfer der neuen Techniken, die nur kulturellen Niedergang bedeuten konnte.

Fraglos hat sich der technische Wandel deutlich beschleunigt und somit die Anpassung in immer kürzeren Intervallen notwendig gemacht. Das macht das Survival of the fittest von Charles Darwin nur noch offensichtlicher sichtbar. Es hat immerhin viele Jahrzehnte gedauert bis mit dem Radio eine neue Technik tatsächlich neue Formen der Medienbeobachtung nötig gemacht hat. Nach dem zweiten Weltkrieg ist dann Fernsehen in der Breite und Vielfalt für eine Beobachtung wichtig geworden.lupe_text_web_02

Die weiteren Innovationen der nächsten Jahrzehnte waren eher oberflächlicher Natur. Farbe zog ins Fernsehen, wie in die Illustrierten und später in die Tageszeitungen ein. Bilder wurden wichtiger und stärker Bestandteil der Printmedien.

Erst das ausgehende 20. Jahrhundert hat mit dem Internet ein gänzlich neues Medium geschaffen, das auch die Regeln der Kommunikation und der Beobachtung etwas geändert hat. Die Techniken waren auch gänzlich andere – zumindestens auf den ersten Blick. Schon kurz darauf – also eines gutes Jahrzehnt – kam zum Web 1.0 das Web 2.0, in dem die früheren „Leser und Zuseher“ plötzlich selbst aktiv wurden. Foren gab es schon in den Kindertagen des Internet, aber in den klassischen Online-Medien war die Interaktion erst später ein Thema. Der Standard in Österreich war mit der Kommentar-Funktion schon 1997 ein Vorreiter.

Noch ein paar Jahre später haben soziale Netzwerke die nächste Veränderung eingeläutet, die jetzt noch von der Medienwelt verdaut wird. Plötzlich gab es nur mehr die Beiträge der User als relevanten Inhalt. Was bei Myspace noch Musik war und bei Facebook anfänglich – naja – persönliche Äußerungen, wurde mit Twitter zu einem echten Newskanal.

wibiya-social-media-barAls solcher wurde Twitter auch für Unternehmen und berufliche Tätigkeit relevant und damit auch zentraler für die Medienbeobachtung. Heute gilt das Gleiche für den öffentlichen Teil von Facebook und auch Snapchat und WhatsApp. Die Bilderfluten von Instagram, Youtube und Pinterest geraten auch immer weiter in den Focus der Medienresonanzanalyse für Unternehmen. Waren vor Kurzem nur digitale Vorreiter auch professionell auf diesen Plattformen tätig, ist es jetzt der Standard für die Unternehmenskommunikation auch hier präsent und aktiv zu sein.

Damit ist es auch für die professionellen Beobachter ganz klar Teil des Angebotes. Dank der Vielfalt an Daten, die plötzlich zu einem Medienkanal vorhanden sind und des stark gestiegenen Daten-Bewusstseins der Kommunikatoren, wird die Medienresonanzanalyse immer wichtiger.

Medienresonanzanalysen gibt es schon seit mehreren Jahrzehnten, aber solange es nur um Printmedien-Daten und Reichweiten von Radio und TV ging, war das Interesse noch nicht so entwickelt. Die Erwartungshaltung zusätzlich zu den Clippings, auch die Charts zu liefern war gering. Bei wenigen Clippings, die man ohnehin lesen/überfliegen wollte oder musste, war der Mehraufwand der Analyse nicht so greifbar.cover_fb_obs_easyview-kopie

Dank des Bewusstseins, dass man ohnehin nicht mehr alles selbst lesen kann, haben die Daten eine größere Bedeutung erhalten. Durch eine Analyse kann ich auch tausende Tweets einordnen und interpretieren und meine Einschätzung auf Fakten basieren lassen. Im Umkehrschluss war es dann naheliegend auch die altbekannten Medienkanäle analytisch zu erfassen und eine umfassende Medienresonanzanalyse anzufertigen. Dank der vielen zusätzlichen Daten und Interpretationsmöglichkeiten und Darstellungsformen, sind die Aussagen der Medienresonanzanalyse immer vielschichtiger und breiter geworden. Damit können sie nun auch besser in die Steuerung der Abläufe im Unternehmen eingebaut werden. Damit befinden wir uns im Zeitalter der Media Intelligence als nächste Entwicklungsstufe des Wissen wollen, was über einen selbst und die Interessensgebiete veröffentlicht wurde.