01

November

2006

„Leserreporter“ und Hobbyfotographen lehren die Profis das Fürchten. Immer wieder habe ich an dieser Stelle und auch in anderen Medien davor gewarnt, den Schutz der Nutzungsrechte zu übertreiben und die Anforderungen an die Urheber immer weiter abzusenken.
Von „Urheberpflichten“ sind wir ohnehin weit entfernt. Niemand hat die Pflicht, für einen möglichen Nutzer seiner „Werke“ überhaupt erreichbar zu sein.

Der Markt schlägt zurück

Jetzt ist großes Heulen und Zähneknirschen: Große Zeitschriften wie der „Stern“ greifen anstelle der teuren Profi-Fotographen auf Hobby-Fotographen zurück.

Es rächt sich nun, daß man beim Obersten Gerichtshof eine ständige Absenkung der „Werkhöhe“ erkämpft hat. Es waren Profi-Fotographen, die ein Urteil des Obersten Gerichtshofes erstritten haben, das ein Zufallsfoto radelnder Urlauber zum lizenzpflichtigen „Werk“ erklärt hat. Schon die Auswahl des Ausschnittes sei eine geistige Höchstleistung, die zu schützen sei.

„Werkhöhe“ abgesenkt

Das haben die Herrn Räte sicherlich nicht selbst erfunden. Da waren vorher eine Klage und ein geschickter Anwalt im Spiel. Grundgedanke war, so oft und so viel wie möglich zu kassieren – arbeitslos, versteht sich, denn für das Foto hat der in diesem Fall beklagte Verlag natürlich bereits bezahlt.

Jetzt ist guter Rat teuer: Mit den abgesenkten „Werkhöhen“ kann man sich nicht mehr auf die überlegene Qualität der Profis berufen, (die ohnehin von manchen enttäuschten Kunden bestritten wird). Jeder Druck aufs Knöpfchen wird „geschützt“ – und jetzt hat man die Konkurrenz der Hobby-Knipser am Hals.

Amateure immer vor Ort

Ein wesentlicher Teil der Kunst professioneller Fotographen besteht darin, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein. Es kommt nämlich – entgegen der Ansicht der Urheber-Lobby – nicht auf die Qualität, sondern auf das Objekt des Fotos an.

Der Druck aufs Knöpfchen gibt dem Fotographen nämlich ein Quasi-Eigentum an Dingen, die ihm nicht gehören. Davon leben recht gut die sogenannten „Paparazzi“. Ob das moralisch ist, sei dahingestellt.

Nun geht es den Paparazzi an den Kragen: Ein Amateur-Knipser ist immer vor Ort, und die Qualität der Bilder ist – nicht zuletzt dank hoch entwickelter Möglichkeiten der Nachbearbeitung – beim Amateur nicht viel schlechter als beim Profi.

Argument Glaubwürdigkeit

Die Zeitung „medianet“ zitiert Nikolaus Brender, Chefredakteur des Fernsehsenders ZDF, mit einem Argument, das eher als letzter Rettungsanker wirkt: Die Glaubwürdigkeit von Amateur-Aufnahmen sei schwer einzuschätzen.

Dieses Argument kommt allerdings um einige Wochen zu spät. Kürzlich hat nämlich die deutsche Zeitschrift Journalist aufgedeckt, wie ein professioneller Pressefotograph seine Fotos manipuliert hat. Das ist professionell und keineswegs von Amateuren zu erwarten.

Auch bei Texten

Neben den Fotographen haben auch die Wort-Journalisten Konkurrenz bekommen. Die Bild-Zeitung in Deutschland lädt „Leserreporter“ ein, ihre Beobachtungen zu melden.

Ein Grund für diese Entwicklung ist der Erfolg der Journalisten-Gewerkschaft bei Kollektivvertrags-Verhandlungen. Wer den Journalisten-Kollektivvertrag liest, wünscht sich nichts sehnlicher als diesen Beruf zu ergreifen. Leider ist die Zahl jener Medien, die sich diese Privilegien auch leisten können, begrenzt.

Problematisch wird die Sache, wenn Bild seine „Leserreporter“ mit Presseausweisen ausstattet, mit denen sie sich zum Teil auch kostenlosen Zugang zu Veranstaltungen verschaffen können. Aber auch hier sind die professionellen Kolleginnen und Kollegen nicht unschuldig. Wer von ihnen hat noch nie den Presseausweis gezückt, um einem Vorteil zu haben.

Sogar Redakteure

Im Internet werden nicht nur „Reporter“ gesucht, sondern auch „Redakteure“. Hier wird die Sache problematisch, denn letztlich ist es der Redakteur, der aus den Produkten von Fotoamateuren und Leserreportern ein brauchbares Medium gestaltet.

Wenn das Internet-Portal „Readers Edition“ jetzt „20 Millionen Redakteure“ sucht, dann kann daraus nur „Content“ entstehen, ein Mix von Worten und Bildern, der nur einen Zweck hat: leeren Raum im Internet zu füllen.

Content kontra Redaktion

Hier zeigt sich der Unterschied zwischen „Content“, der Seiten im Print oder im Internet füllen soll, und jenen Nachrichten, die von einem wissenden, planenden Redakteur für ein Publikum gestaltet werden, die er kennt und die vor seinem geistigen Auge stehen.

Hier zeigt sich die Problematik des „Content“-Denkens. Gelesen, gesehen und gehört wird nur, was im richtigen Moment und in der richtigen Form den richtigen Menschen präsentiert wird – und das ist eine Aufgabe für Profis.

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